peter-baruschke.de

Persönliche Information und Meinung

„Moden sind Momentaufnahmen eines Prozesses kontinuierlichen Wandels.“ (Wikipedia, Artikel zu Mode)

Alles egal! – Meine Körperlichkeit und damit auch jede Form von Kleidung und Mode spielte für mich in meiner Kindheit und Jugend nur eine sehr untergeordnete Rolle. Eigentlich tatsächlich gar keine.

Vergleichsweise cool angezogen im Jahr 1975

Heute weiß ich auch, warum das so war: Ich war quasi „nicht zu Hause“, denn in meinem Körper konnte ich mich mit der mir zugedachten Rolle als Mann nicht identifizieren.

Und so trug ich, was im Schrank war – und das wurde mir lange Zeit von meiner Mutter dort hineingelegt. Kein Wunder also, dass diese Klamotten in meiner Jugendzeit – und das waren immerhin die schrillen 70er Jahre des 20. Jahrhunderts – nicht gerade hipp waren! Noch als erwachsener Mann bedachte sie mich mit Oberhemden (leider langweilig und zu groß) und warf – als ich schon erwachsen war – von mir gekaufte Kleidung einfach weg, die sie für unangemessen hielt. Mit letzterem war ich allerdings auch damals schon nicht einverstanden 😉

Nachdem ich meine nichtbinäre Geschlechter-Rolle dann endlich gefunden hatte – also fast vier Jahrzehnte später, ab 2020 – brauchte es noch eine ganze Weile, bis ich genügend Selbstbewusstsein aufbringen konnte, um nun endlich auch meinen Kleiderschrank aufzuräumen: Weg mit der rein digital ausgerichteten „Herrenausstattung“ und her mit überlangen Shirts und Hoodys, Röcken und Kleidern! Allerdings ist es gar nicht so einfach, von „alles egal“ zu einem eigenen Stil zu finden und dann im unübersehbar großen Angebot die passenden Stücke zu kombinieren. Und vor allem am Anfang konnte ich meine Konfektionsgröße – vor allem in der „Frauenabteilung“ – nur schwer einschätzen … ich landete in den Onlineportalen mit gebrauchter Kleidung vor allem ganz zuerst weit abgeschlagen in der Rubrik „hohe Retourenquote“. Aber inzwischen weiß ich, dass es den meisten Frauen sehr wohl ähnlich geht! Und dass es einiger Erfahrung bedarf, die entsprechenden Angaben je nach Marke und Herkunft der Klamotten richtig einzuschätzen.

Den Anfang machten Kilts – für einen „männlich gelesenen“ Menschen ein exzellenter Einstieg in die nichtbinäre Mode, obwohl es sich streng genommen sehr wohl um ein rein männliches Kleidungsstück handelt. Ein Kilt kann man das ganze Jahr tragen und gut mit vielen weiterhin getragenen „männlichen“ Oberteilen kombinieren. Ganz prima stehen sie mir zum Beispiel mit Hoodys – so empfinden es auch meine Frau Susanne und dessen (und auch meine) beste Freundin Simone. Und Simone wird es wissen: Sie betreibt in Schmalkalden Thüringens besten Damenbekleidungs-Laden (ein heißer Tipp nicht nur vor größeren Festen und Familienfeiern!).

Als Träger*in eines Kilts muss Mensch freilich damit rechnen, als Schotte oder britisch orientierte Person einsortiert zu werden – auch wenn ich die Kilts nicht mit anderen schottischen Kleidungsstücken und sogar völlig „un-traditionell“ mit Leggins kombiniere. Für mich zeigen solche Reaktionen immer wieder, wie stark die Menschen dazu neigen, ihre Mitmenschen schon beim ersten Anblick in irgendeine Schublade zu stopfen, und wenn sie auch noch so wenig passt. Unklarheiten werden offenbar als Problem erkannt – vielleicht ein Grund, warum ich in letzter Zeit vermehrt beinahe entgeistert angeglotzt werde …

Außerdem entdeckt habe ich enge („skinny“) Jeans, über die man dann Westernstiefel tragen kann. Das ist nicht nur cool, sondern auch praktisch – zum Beispiel beim Fahrradfahren im Winter, wenn fast immer irgendwelcher Dreck emporspritzt. Folge ist, dass zwar die Stiefel, aber nicht die Hose dreckig sind – und glatte Lederstiefel lassen sich nach der Ankunft schnell mal abwischen. Die Erfahrung: Jeans aus der „Frauenabteilung“ haben extrem kleine Taschen – warum eigentlich? Von der Passform her gibt es jedenfalls kein Problem.

Kilts sind ja sozusagen ein völlig natürlicher Einstieg in Röcke – und so waren und sind diese denn auch der logische nächste Schritt auf dem Weg in eine nichtbinäre Modeausstattung. Bis zu diesem Schritt waren übrigens immerhin schon rund drei Jahre vergangen. Denn es braucht einige Geduld, um sich selbst mit dem neuen Aussehen kennenzulernen – aber vor allem auch seine Umgebung an das veränderte Erscheinungsbild zu gewöhnen.

Der wichtigste Schritt ist, erst mal überhaupt aus dem Schrank zu steigen und sich öffentlich zu zeigen – das erfordert schon ein gewisses Standing. Aber mein Selbstbewusstsein entwickelte sich in dieser Zeit ungemein, denn zum einen fühlte ich mich in der veränderten Außendarstellung sehr wohl („Gender-Euphorie“), zum anderen erhielt ich auch durchaus Zuspruch – nicht nur für meine immer länger wachsenden Haare. Vielleicht kann mir aber auch ansehen, dass ich mich jetzt in meinem Ich wohlfühle und gern öffentlich sichtbar durch die Welt laufe – das konnte ich mir noch vor zwei Jahren nicht einmal vorstellen.

Der erste Rock stammte von Engelbert Strauß, einem Anbieter von Arbeitskleidung, das Produkt wird dort unter der Bezeichnung „Arbeitsrock“ und natürlich in der Frauenabteilung geführt. Vorteil: Dieses Modell hat eine Vielzahl von Taschen – die haben die meisten anderen Röcke nämlich nicht. Meine ersten Röcke waren meist etwa knielang – außer einem langen schwarzen Rock, den ich für den Schulabschlussball meines Sohnes gekauft habe (und den ich dann auch tatsächlich zu diesem Anlass getragen habe). Ich war total stolz auf meine Family, die das sehr cool mitgetragen hat.

Inzwischen experimentiere ich mit verschiedenen Modellen – auch zum Beispiel mit Bleistiftröcken, die mit Stiefeln gut wirken. Allerdings taugen sie nicht zum Fahrradfahren – der für mich inzwischen häufigsten Fortbewegung, auch auf längeren Strecken. Da erweisen sich dann die Kilts als sehr vielseitig und alltagstauglich!

Vom Rock zum Kleid – dieser Übergang ist durchaus fließend. Denn kürzere Kleider kann ich auch gut mit Hosen tragen, zum Beispiel mit einer eng sitzenden Jeans oder Lederhose. Das sieht echt gut aus! Denn auch wenn ich selbst gern Leggins unter Röcken und Kleidern trage, sind diese bei meiner Frau nicht so gern gesehen – sie findet das vor allem bei Kleidern zu „Mädchenhaft“. Überhaupt zeigte sich, dass die Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung nicht unbedingt die besten (Mode-) Berater*innen sind – vermutlich, weil sie Veränderungen gegenüber erst mal grundsätzlich kritischer gegenüberstehen. Da braucht es dann den Blick aus der Entfernung. Zum Beispiel von der in Kleidung erfahrenen Simone aus Thüringen, der ich im Zweifel mal Bilder von einem neuen Look zur Begutachtung schicke. Von ihr stammt auch der Tipp, ungewöhnliche Kombinationen auszuprobieren und zum Beispiel Westen zur Bildung eines Akzents zu nutzen. Seitdem trage ich gern Westen – was ich früher nie getan habe.

Zur Kleidung gehören natürlich die richtigen Schuhe – gern auch Stiefel und grobe Treter, die sich ganz gut als Kontrapunkt zu „weiblich“ konnotierter Kleidung machen. Und Schmuck – ich trage gern breite silberne Bandringe verschiedener Art, Ketten und Ohrringe in meinen selbstgestochenen Ohrlöchern. Auch hier gilt natürlich: Do it Yourself: Selbstgemachte Ohrhänger und Kettenanhänger bestehen zum Beispiel aus Teilen demontierter Festplatten oder Leiterplatten – ich habe unter anderem einen von der Plastikhülle befreiten USB-Stick als Ohrhänger, der vollfunktionsfähig ist. Dabei versuche ich, möglichst gebrauchte oder ausgrangierte Teile zu nutzen – das gilt sowohl für Kleidung als auch für Ausstattung. Upcycling statt wegwerfen! Und ich glaube, da sind noch Entwicklungen möglich. – Ausnahme: Schuhe. Aber vielleicht kann man zum Beispiel preiswert zu habende „Kampfstiefel“ auch noch modifizieren …

(Dezember 2023)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert