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Persönliche Information und Meinung

Nach 25 Jahren Journalismus in einer Publikumszeitschrift zum Thema Heimwerken bin ich mit meiner damaligen Wahl dieser Form der Spezialisierung heute ganz zufrieden. Ich habe ein viertel Jahrhundert in einer publizistischen Nische arbeiten können, meine Interessen entwickeln und erweitern dürfen und bin beruflich glücklich damit geworden. Zwar konnte ich keine gesellschaftlich relevanten Themen bearbeiten – wie ich es mir zu Beginn meiner redaktionellen Karriere eigentlich vorgestellt hatte. Aber dafür ist mir auch etwas erspart geblieben: Ich habe den allmählichen Niedergang und auch den systematischen Ausverkauf des gedruckten aktuellen Worts nur aus der Ferne und nicht in unmittelbarer Betroffenheit erleben müssen.

Oder besser und anders herum gesagt: Eine spannende, gesellschaftlich relevante und beachtete Berichterstattung durfte ich einige Jahre lang genießen – als Jungjournalist, Volontär und junger Redakteur in den spannenden Jahren der deutschen Vereinigung, in denen im Journalismus alles möglich schien: Eine Vielfalt der Berichterstattung – auch und gerade im Lokalen. Spannende Themen mit rücksichtsloser Aufklärung von politischem und wirtschaftlichem Missbrauch. Journalismus als vierte Gewalt und Korrektiv der Mächtigen – das klang damals zumindest an. Lokale Themen mit Sprengkraft lagen und liegen auf der Straße – selbst in kleineren Gemeinden. Was mir damals aus eigener Anschauung klar geworden ist: Kungelei und Schiebereien, Vorteilsnahme, Egoismus, Täuschung und Betrug – das gibt es neben vielen menschlichen und mitmenschlichen Geschichten in jedem Dorf, in jeder Kleinstadt. Und das ist natürlich bis heute so geblieben!

Davon ist freilich nichts mehr zu lesen. Denn durchgesetzt hat sich das Kapital – das kann man heute so klar benennen – ohne parteipolitisch gefärbt oder allzu kämpferisch zu sein. Durchgesetzt haben sich die Interessen der Werbetreibenden, das kann ich zumindest für Printredaktionen sagen, auf jeden Fall für die kleinen und mittelgroßen Redaktionen im lokalen und regionalen Maßstab. Die Abhängigkeiten von der Werbung und den Interessen großer Lobbygruppen und Unternehen sind in den letzten Jahren sogar noch einmal krass deutlicher geworden – sogar in Zeitungen und Zeitschriften, die noch vor 20 Jahren wenigstens weitgehend aus den Vertriebserlösen leben konnten. Wer zahlt, erhält gefälligen Inhalt. Und Werbetreibende setzen die ihnen genehmen Inhalte und sogar Meinungen inzwischen auch frech und völlig unverhohlen durch.

Gleichzeitig beklagen die Verleger heute gern, dass sie sich gegen Internet und Fernsehen nicht durchsetzen können – dabei haben sie diese mangelnde Konkurrenzfähigkeit selbst vorbereitet und geradezu systematisch in Szene gesetzt. Dabei haben Ignoranz, Beratungsresistenz und Größenwahn die Feder geführt: Ignoranz, weil sie ihre eigentliche Stärke – die lokale Vielfalt – weder erkannten noch entwickelten. Beratungsresistenz, weil sie ihren eigenen Journalisten nicht trauten und sie durch billiges Personal ersetzten – und Größenwahn, weil sie glaubten, an den Schaltstellen der Macht den Ton bestimmen zu können, mit großen und schönen Zentralredaktionen an den politischen Schaltstellen. Mit diesem Dreiklang haben sie ihre Medien in die völlige Bedeutungslosigkeit katapultiert – denn wer will schon von mut- und lustlosen Journalist*innen zusammengestellte Nachrichten lesen, die nicht von der eigenen Lebenswirklichkeit handeln, sondern von der fernen Metropole? Damit sind die Herren Verleger – denn es waren alles alte, weiße Männer, die gern überhebliche und selbstgerechte Interviews gaben – allesamt vollständig und jammervoll gescheitert. Zu allem Überfluss wurden dann auch noch alle wertvollen Inhalte kostenlos im Internet verheizt – da kann man ebenso gut versuchen, sein Haus mit einem Gartenofen zu wärmen. Heute winseln sie um Subventionen und betteln um einen Erhalt ihrer angeblichen publizistischen Vielfalt, die sie über Jahrzehnte selbst in Ignoranz und Dummheit komplett vernichtet haben. Das ist ebenso jämmerlich wie erbärmlich. Denn mittlerweile gibt es weder nennenswerte Vielfalt noch schützenswerte publizistische Inhalte. Tageszeitungen sind nicht einmal mehr zum Fische einwickeln geeignet, weil die Druckerschwärze zu viele Schadstoffe enthält.

Fazit: Die einst stolze „vierte Gewalt“ ist zur sturmreif kaputtgesparten Kioskbude verkommen, in der selbst einst große Medien wie FAZ und Welt nur noch Lügengespinste einer konservativen Scheinelite verbreiten. Und aus BLÖD ist gar ein unverhohlenes Drecksblatt geworden, dem keine Unwahrheit schändlich genug ist, wenn sie dazu dienen könnte, die lüsterne Meinung des Hinterhofs zu befriedigen. Da wundert es wenig, wenn einzelne Chefredakteure auch persönlich keinerlei Scham haben, andere Menschen auszunutzen und in den Dreck zu treten und der entsprechende Verlegerverband dieses Verhalten auch noch unkritisch akzeptiert.

Schade. Wir hätten sie heute gut brauchen können, die kritische lokale Tagespresse! Denn lokale Akteure nutzen inzwischen schamlos das Desinteresse und die Uninformiertheit der Gesellschaft aus, um sich zu bereichern und die allzu willige – und teilweise auch unkritische – Politik nach ihren Vorgaben tanzen zu lassen. Wie schon immer vermutet, reicht es fast immer aus, mit Wichtigtuerei und dem Scheckbuch zu wedeln, dann stellen sich die Politiker*innen gern ins Rampenlicht, das von der schamlos an egoistischem Machtausbau geleiteten Industrie eingeschaltet wird. Die Vasallentreue reicht letztlich bis zum völlig unkritischen Ausverkauf der eigenen Infrastruktur an die Oligarchen fremder Mächte – wie wir heute wissen. Interessante lokale Geschichten erzählt uns heute niemand mehr. Und interessante Geschichten aus der Nachbarschaft enthält heute die Rubrik „unverlangt eingesandt“. Die Verleger sollten sich schämen.

Daher mein Fazit: Print ist nicht tot, denn es gibt bemerkenswerte Zeitschriften wie MARE und gut gemachte Hintergrund-Erklärer wie DIE ZEIT, obwohl selbst sie unter Wichtigtuerei und Selbstüberschätzung leidet – immerhin dabei erfolgreich.

Die Tageszeitung aber ist tot. Lasst sie nicht zu einer Untoten werden. Ruhe in Frieden.

(Mai 2022)

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